VERSTÄRKER: Nr. 2, Neue Wege der Rechnertechnologie: 1936 von Bernhard Dotzler VERSTÄRKER. Von Strömungen, Spannungen und überschreibenden Bewegungen
Jg. 2, Nr. 2, Mai 1997, ISSN 1431-6102. Herausgegeben von Markus Krajewski und Harun Maye

Neue Wege der Rechnertechnologie: 1936

Ein Interview mit Konrad Zuse (1910--1995)

Von Bernhard Dotzler

Vorbemerkung: Das Gespräch wurde im Februar 1988 geführt. Im folgenden erscheinen ausgewählte Passagen. Eine Druckfassung des vollständigen Interviews ist für das Jahrbuch der Kunsthochschule für Medien: Lab IV (Kln 1998) in Vorbereitung.
Der vorangestellte Nachruf erschien zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.12.1995.

Konrad Zuse (1910--1995): Ein Nachruf

Als vor 50 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war dies -- so hat er sich selber erinnert -- für Konrad Zuse »kein besonderer Tag«. Nur eine Unterbrechung. Die grundlegenden Schritte für die in der Folge ihren Siegeszug antretende Computertechnologie waren bereits erfolgt; nur an sie anzuknüpfen war in Deutschland für kurze Zeit unmöglich geworden: »Auch der Computer Z4 stand unbeschädigt in einem Schuppen. Aber die Arbeiten daran konnte ich nicht fortsetzen.«

So unbestritten der inzwischen zum Universalmedium avancierte Computer eine Folge bereits während des Kriegs begonnener Entwicklungen ist, so unbestritten gilt heute Konrad Zuse als sein Erfinder. Bereits 1936, nach dem Studium des Bauingenieurwesens und kurzer Tätigkeit als Statiker, begann er in der Wohnung seiner Eltern in Berlin-Kreuzberg die erste programmgesteuerte duale Rechenmaschine zu bauen -- noch ohne davon Notiz zu nehmen, daß im selben Jahr die theoretische Grundlegung eines jeden solchen Vorhabens durch den englischen Mathematiker Alan Turing geleistet worden war. Zuse setzte dagegen auf praktische Bastelarbeit, und mit Erfolg. 1938 war die erste Maschine vollendet, ein rein von Hand gefertigter, rein mechanischer Rechenautomat, die Z1. Entsprechend konnte dieses Versuchsmodell zwar seine Funktionstüchtigkeit unter Beweis stellen, aber die Mängel eben von Handarbeit und reiner Mechanik wurden ebenso unübersehbar. Sein zweites Modell konstruierte Zuse dehalb unter Verwendung von Relais. Eine dritte Konstruktion -- die Z3 von 1941 -- dann brachte endlich den Erfolg: Der erste reibungslos funktionierende Computer der Welt ging in Betrieb -- nicht zuletzt, um Berechnungen für die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt auszuführen.

Aber der Bombenkrieg ab 1943 zerstörte die Z3, ihr Nachfolger, die Z4, kam nicht mehr zum Einsatz. Statt dessen standen Zuses Entwicklungen nach dem Krieg erst einmal im Schatten zunächst der amerikanischen Großtaten, dann der allmählich ans Licht kommenden Pionierleistungen in Großbritanniens Bletchley Park. Man sprach von John von Neumann und dem Bau der Atombombe, der ohne Computerhilfe nicht möglich geworden wäre. Man sprach von Alan Turing, der nach der mathematischen Grundlegung im Dienst des Secret Intelligence Service seinen ersten Computer realisierte, um den Funkverkehr der Deutschen Wehrmacht zu entschlüsseln. Spät erst wurde Konrad Zuse, unter dem Etikett »Innovation -- Made in Gernamy« in die Erfindergalerie des Deutschen Patentamts aufgenommen.

Dabei war auch Zuse alsbald mit theoretischen Arbeiten zu Fragen der Schaltalgebra und Computeralgorithmen hervorgetreten; dabei war auch er zunächst nicht ohne Erfolg als Gründer einer eigenen Computerfirma. Den Anfang machte 1949 die Vermietung jener letzten noch im Krieg gebauten Maschine Z4 an die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich. Danach kam eine ganze Reihe weiterer Aufträge, neue Maschinen wurden entwickelt, bis hin zur Z22, einer Großrechenanlage, die an die Rechenzentren mehrerer Universitäten Deutschlands ausgeliefert wurde. Nur blieb die ZUSE KG trotzdem immer ein eher mittelständisches Unternehmen -- bis es 1965 von der Siemens AG übernommen wurde.

Fortan lebte Zuse weitestgehend für die Geschichte, die eben auch und gerade seine Geschichte ist oder war. Eine Autobiographie »Der Computer: Mein Lebenswerk« (1970 und 1984) erlaubt nachzulesen, wie diese Geschichte verlief; der Nachbau seiner ersten Maschine, der seit 1989 zum Kernbestand des Museums für Verkehr und Technik in Berlin gehört, bezeugt, was sie erzählt. Erst in diesem letzten Jahren wurden Zuse die Ehrungen zuteil, die ihm von früh an gebührten. Vorgestern ist er im Alter von 85 Jahren verstorben.

Das Interview

Herr Zuse, Ihre erste Maschine war -- ihrer Nummer entsprechend -- die Z1 ...

Zuse: ...ja, 1936...

Bei ihrem Bau haben Sie mit dem Speicherwerk begonnen, obwohl doch, müßte man -- naiv vielleicht -- meinen, das Rechenwerk bei einer Maschine für Rechenoperationen viel wichtiger ist.

Zuse: Ja, das war schon klar, daß beides wichtig ist. Nur, das Rechenwerk macht mehr Arbeit an der Entwicklung. Und man benötigte erst einmal einen Massenspeicher -- automatische Rechenwerke gab es schon, obgleich nicht im Binärsystem. Das Hauptproblem war, einen Massenspeicher zu entwickeln. Das ging auch konstruktiv am schnellsten. Und dann hab' ich mir überlegt, wie baue ich jetzt das Rechenwerk, wie kann ich das auch mechanisch machen. Damals war ja die Relaistechnik noch nicht so weit -- und dann die psychologischen Gesichtspunkte: ein Rechenwerk aus Relais, das scheute ich... Aber das mechanische Rechenwerk arbeitete sehr schlecht. Ich bin dann doch zur Relaistechnik übergegangen und habe ein kleines Zwischenmodell gebaut, die Z2, und habe versucht, ob das überhaupt geht mit Relais -- und dann die Z3, den ersten wirklich von Wissenschaftlern eingesetzen Computer.

Aber wenn es Rechenmaschinen schon gab und deshalb das im Vordergrund stehende Problem der Speicher war -- ist dann also genau dieser das Innovative an Ihrer Erfindung? Die Patentgeschichten sind ja bekannt, daß man Ihnen am Anfang die "Erfindungshöhe" aberkannte. Worin also lag Ihre Innovation?

Zuse: Das Speicherwerk ist patentiert worden, da sind diese Einwände nicht gewesen. Das andere kam erst später, als ich die gesamte Z3 angemeldet habe. Das Patentverfahren hat sich dann 26 Jahre in die Länge gezogen und das war ein sehr trauriger Prozeß. Und dabei spielte der Speicher schon nur eine sehr untergeordnete Rolle. Hauptsächlich ging es um das Rechnen in binären Zahlen, um die Gleitkommarechnung und die Programmsteuerung in Verbindung mit Adressierung der vercodeten Adressen -- all diese Sachen. Und das ist überhaupt nicht richtig behandelt worden...

Trotzdem noch einmal meine Frage. 1936 -- worin lag da das Aufregende bei der Erfindung einer Rechenmaschine?

Zuse: Das Aufregende war, daß ich erkannte, wenn ich eine Maschine für den Wissenschaftler und Ingenieur bauen wollte, daß ich dann am besten grundsätzlich neue Wege gehe und mich gar nicht lange an die traditionelle Rechenmaschinentechnik halte: anderes Zahlensystem, das bedingt ja andere Rechenverfahren, und dann eben der Massenspeicher und die Möglichkeit, die Programme zu codieren. Damals habe ich ja noch Lochstreifensteuerung gemacht, Programme zu speichern, das habe ich zwar auch schon gewußt -- ich habe es auch im Patent schon erwähnt -- aber das war damals nicht aktuell bzw. das erfordert einen sehr großen Massenspeicher, den ich damals noch nicht zur Verfügung hatte.

Ganz neue Wege, sagen Sie -- welche Typen von Rechenmaschinen gab es, welche gibt es heute und wo steht dabei Ihre Maschine?

Zuse: Die Frage nach denen, die es gibt, ist natürlich viel mannigfaltiger als die, welche es gab. Es gab damals die beiden Klassen der Digitalrechner und Analogrechner. Was man als wissenschaftliche Maschinen einsetzte, waren letztlich die Analoggeräte. Die gab es schon, nicht wahr, die Bush-Maschinen. Damit habe ich mich also nie befaßt. Dann gab es natürlich die normalen Tischrechenmaschinen, die nur für die reine Arithmetik gedacht waren, mit ein oder zwei Speichermöglichkeiten, sogenannte Register. Und dann gab es die Lochkartengeräte...

...von Hollerith...

Zuse: ...Hollerith und Powers. Die konnten schon 'ne ganze Menge, aber konnten eben doch nicht das, was der Ingenieur braucht. Für Kaufleute waren sie recht gut. Im Grunde waren das einfache Sortiergeräte und Tabelliermaschinen, zum Kostenaufaddieren, und es gab eine bescheidene Form des Programmierens mittels der Stecktafeln, aber alles das war nicht das, was der Ingenieur braucht. Es ist das typische an der Entwicklung, daß sowohl hier bei uns in Deutschland als auch drüben, in Amerika, zunächst einmal die ersten Geräte, Computer wie wir heute sagen, rein wissenschaftlichen Zwecken dienten und von den Ingenieuren für ihre eigenen Zwecke gebaut wurden, weil die Rechenmaschinenindustrie ganz einfach nichts auf dem Markt hatte, was wirklich automatische Rechnungen erlaubte.

Erklärt das, daß die Ingenieure Maschinen, spezielle Maschinen für genau ihre Zwecke brauchten, den eigenartigen Umstand, daß die Idee des Computers an verschiedenen Orten gleichzeitig auftauchte?

Zuse: Mitte der 30er Jahre, um 1940 herum, kurz davor, kurz danach, nicht wahr, sind die ersten Ideen... -- aber die ersten Ideen sind ja schon bei Babbage, hundert Jahre vorher aufgetaucht, der war aber ziemlich vergessen, obwohl ich glaube, die drüben, also Aiken etwa, haben ihn gekannt. Hier aber war er völlig unbekannt. Jedenfalls zur gleichen Zeit etwa, ja -- ich weiß es nicht...

War es überall derselbe Antrieb, Ingenieursrechnungen zu mechanisieren, automatisieren?

Zuse: Bei uns war das reine Privatinititative, ich persönlich habe ja schon als Student damit angefangen und zunächst auf rein privater Basis mit Unterstützung einiger Freunde die Sache in Gang gebracht, ohne irgendeine Förderung von irgendeiner speziellen Stelle her, und erst als ich dann ein Gerät vorführen konnte, habe ich Unterstützung durch die Luftfahrtindustrie und -forschung bekommen. Während es drüben von vornherein so war, daß die militärischen Aufgaben im Vordergrund standen. ENIAC -- oder Aiken, nicht -- die ersten Geräte wurden gebaut, um militärische Probleme zu lösen: Ballistik, dann nachher kam die Atombombe mit den Problemen, bei der der ENIAC eingesetzt worden ist. Da war also der Antrieb vom Militärischen her. Bei uns in Deutschland war das nicht so.

Aber der Betrieb, den Sie noch während des Krieges gründeten, wurde doch zum kriegsentscheidenden Betrieb erklärt.

Zuse: Ja, also für die Entwicklung des Computers konnte ich nicht vom Militärdienst freigestellt werden, sondern ich war bei den Henschel-Flugzeugwerken tätig, in einer Sonderabteilung, da gab es andere Aufgaben.

[...]

Zuse: Nun ich hatte die Z3 ja praktisch noch in eigener Initiative gemacht, aber es gab noch einiges zu vollenden. Dann kam nachher die Z4, die verbesserte Maschine, die wurde regelrecht in Auftrag gegeben über das Reichsluftfahrtministerium mit Unterstützung der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt. Und dann hatte Wagner noch so einige Spezialprobleme, er wollte eine Spezialmaschine, die er für die Flügelvermessung einsetzte...

...die S1...

Zuse: ...ja, und das war das, kann man sagen, einzige Gerät, das eigentlich militärischen Aufgaben diente, indirekt.

[...]

Und für ferngesteuerte Bomben hatte man nicht die Idee, die Computer unmittelbar brauchen zu können?

Zuse: Nein, unmittelbar nicht, dafür war die Zeit noch nicht reif. Für die unmittelbare Steuerung der Bombe, die erfolgte ja vom Flugzeug aus, mehr mit Analoggeräten, so weit waren wir in der Computertechnik noch nicht, denn die Entwicklung kurz darauf waren die Relaisgeräte. Die mechanische Konstruktion erwies sich als zu langwierig in der Fertigung, die bessere Idee war die Relaismaschine, die funktionierte auch, aber die konnte man nicht in ein Flugzeug einbauen.

Aber einige Maschinen, wie etwa die S1, haben Sie doch auf Schrittschaltern programmiert, also sehr kompakt.

Zuse: Ja natürlich, aber die S1 wurde ja nicht aktiv beim Einsatz der Bombe eingesetzt, sondern bei der Fertigung der Bombe.

Dennoch wundert mich, daß man nicht die Idee hatte, die Steuerung ...

Zuse: Die Idee hatten wir schon!

Helmut Schreyer hatte doch bereits in einem Entwurf von 1939 auf die Möglichkeiten der real time analysis mittels der viel schnelleren elektronischen Rechner hingewiesen.

Zuse: Ja natürlich, wir hatten zum Beispiel die Idee, zur Flugabwehr einen elektronischen Computer einzusetzen, und das wäre auch möglich gewesen. Die Steuerung von Flak, nicht wahr, was man damals mit Analoggeräten machte, hätten wir mit den elektronischen Geräten natürlich besser machen können. Nur, man fragte uns, wie lange braucht ihr dafür, und wir haben gesagt: zwei Jahre, das war sehr kurz für eine elektronische Entwicklung. Da sagten die: Was glauben Sie, wann wir den Krieg gewonnen haben? Die Einstellung war eben so, alles, was länger als ein Jahr Entwicklung braucht, wird nicht gemacht. In der Beziehung war man damals in Deutschland auf einem etwas sehr arroganten Standpunkt. In den USA waren natürlich ganz andere Verhältnisse. Einmal war der Druck des Militärs zur Einberufung von Leuten nicht so hoch, es war viel leichter dort, ein Team zusammenzustellen, gar kein Problem, und auch finanziell keins. Leute wie Eckert / Mauchly oder auch Aiken, die kriegten also ihre Millionen, das wäre in Deutschland schon sowieso nicht denkbar gewesen. Die bekamen auch ihre Materialien...

[...]

Ja das ist gar keine Frage, daß dort dann die Entwicklung sehr stark und direkt forciert wurde. Aber hier -- als man sah, daß der Krieg durchaus nicht so schnell gewonnen sein würde?

Zuse: 1941 war man noch hoffnungsvoll, in einem gewissen Siegesrausch, der, wie wir hinterher wissen, durchaus nicht begründet war, und da dachte man, wenn der jetzt erst eine Entwicklung anfängt, die erst in zwei, drei Jahren interessant ist, das können wir jetzt nicht machen. Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt, die wollte so einen Elektronenrechner haben, aber was nützte das -- sie konnte nicht die Dringlichkeitsstufe zur Verfügung stellen, um ein ganzes Team zusammenzustellen -- ein einzelner kann so ein Ding nicht bauen, da gehören schon einige Leute dazu, gute Fachkräfte, aber es war einfach nicht möglich, die zu beschaffen, die gabs auch nicht, weil alle für irgendwelche Aufgaben eingesetzt waren. Schreyer selbst war ja auch für kriegstechnische Aufgaben eingesetzt am Institut für Schwingungsforschung und konnte auch nur nebenbei diese Idee weiterverfolgen.

Neben Schreyer gab es aber noch Ihren Mitarbeiter Alfred Eckhard, der an der Z4 mitbaute...

Zuse: Nun, während des Krieges, da gab es in Berlin in der Bendlerstraße die große Fernmeldezentrale der Wehrmacht. Eine riesige Anlage, wo die Leute also Fernmeldefachleute brauchten. Alfred Eckhard studierte Fernmeldetechnik. Und da haben die Leute dann die eingezogen und dort eingesetzt. Das waren mehrere und zum Teil sowieso mit mir bekannt, Hoestermann usw. Die hatten dort Dienst, regelrechten Dienst, waren also als Soldaten eingesetzt in dieser Zentrale, hatten aber Zeit genug, weil der Dienst so schlimm nicht war, mir nachmittags und abends noch zu helfen. Und die hatten vor allen Dingen gute Kenntnisse von der Relaistechnik usw., die konnten mir da auch fachlich helfen.

Ja, worauf es mir aber ankommt: Eckhard ging dann nach Peenemünde, nach dem Bau der Z4...

Zuse: ... der war eine Zeitlang oben in Peenemünde tätig, ja, er hat sogar diesen schweren Angriff mitgemacht der Amerikaner und Engländer auf die Peenemünder Werke, hat er mir noch erzählt, wie die grausige Geschichte über die Bühne ging. Die Entwicklung haben sie nicht getroffen, aber die Lager, wo die Mädchen gewohnt haben -- grausig gewesen, das hat er mir 'mal erzählt. Da ist er also auch eine Zeitlang tätig gewesen.

Und da gab es keine Einflüsse?

Zuse: Das war ja alles zu spät, 1944, und wer einigermaßen nachdachte, der wußte ja, daß der Krieg zu Ende geht und in den letzten Kriegstagen habe ich ja mit Wernher von Braun noch persönlich Gespräche geführt und die haben uns dann die Möglichkeit gegeben, unser Gerät aus Göttingen rauszuholen und nach Süden zu transportieren. Aber dieser Kontakt mit Wernher v. Braun, der Gruppe Dornberger, der kam ja viel zu spät. Konnte also zur Entwicklung nichts mehr helfen. Die haben uns dann noch geholfen, ins Allgäu...

Aber zuvor sollten Sie doch in die unterirdischen Fabriken in Nordhausen.

Zuse: Ja das war damals so. Wir hatten ja vom RLM -- Reichsluftfahrtministerium -- die Aufträge, und die sagten auf unsere Frage: hier in Göttingen steht das Gerät auf dem Präsentierteller, was sollen wir machen?, sagten die: bringt es doch dahin, zu Wernher von Braun, in diese unterirdischen Fabriken. Dadurch kamen wir überhaupt erst in Kontakt mit Wernher v. Braun und mit Dornberger. Dann haben wir das also gesehen, diese Konzentrationslager, und sagten, lieber stellen wir das Gerät sonstwo hin als dahin. Da wollten wir nicht dabei sein, wenn das überrollt wird. Wir hatten das Gerät da noch nicht mitgebracht, aber wir kamen ins Gespräch mit Wernher v. Braun. Der hatte einen tüchtigen Manager und Dornberger hat uns dann einen Lastwagen zur Verfügung gestellt, auf den wir das Gerät aufladen konnten -- und ab nach Süden.

1969 bekamen Sie dann auch zusammen mit Wernher v. Braun die Wilhelm-Exner-Medaille.

Zuse: Ja, das stimmt, da war er persönlich allerdings nicht dabei, aber ich habe manche Orden mit ihm zusammen, auch den Werner-von-Siemens-Ring, bekommen.

Wie kommt das? Sie als Computererfinder und von Braun als Raketenpionier, wie auch Oberth...

Zuse: Die Wilhelm-Exner-Medaille ist ja nicht spezialisiert auf ein bestimmtes Gebiet.

Dennoch wird man sich etwas dabei gedacht haben, wenn man Sie drei zusammen auszeichnet.

Zuse: Selbstverständlich. Wernher von Braun selbst hat ja gesagt, ohne Computer wäre die Raumfahrt nicht möglich gewesen. Man wußte sehr gut, daß der Computer eine große Bedeutung für die Raumfahrt hat und hat deswegen sowohl mich als auch Wernher v. Braun, und Oberth war auch noch dabei...

[...]

Und als Sie nach dem Krieg in London waren, hörten Sie da etwas von den englischen Ansätzen...

Zuse: Ich kann mich nicht entsinnen, daß... -- Turing war ja nicht dabei, bei denjenigen, die mich verhört -- na verhört, ja doch, das war schon ein Verhör, wobei das Ganze in einem freundschaftlicheren Tone stattfand...

Wie lief das genauer?

Zuse: Das war so, daß also -- schon kurz vor der Währungsreform, 1947 -- ich eine Einladung bekam, zu einem, ich weiß nicht genau, wie die das nannten, representation oder so, also nach London, da waren also unheimlich viele Wissenschaftler dahin geholt, und wir waren auch gut untergebracht -- so weit war alles in Ordnung -- dann wurden wir also befragt. Da konnten also die englischen Firmen kommen und fragen. Ich wurde auch befragt und habe Auskunft gegeben, und dann bin ich wieder nach Hause geschickt worden.

Ja worüber wurden Sie denn befragt? Was wollte man von Ihnen wissen?

Zuse: Allgemein über meine Entwicklung. Das war alles sehr einseitig, man hat mir wenig erzählt. Aber natürlich konnte ich später einiges erfahren, als ich mit den Lochkartenleuten in Beziehung trat, die mich denn auch in die USA einluden. Da erfuhr ich dann einiges von den Geräten ENIAC, von Aiken, Mark IV, und das stand ja auch schon in den Zeitungen, offiziell. Aber natürlich war die Information relativ einseitig, von mir nach drüben...

Worin bestand das Interesse an Ihnen?

Zuse: Na immerhin hatte ich einen Computer, der lief.

Aber woher war bekannt, daß im Allgäu, in Hopferau, eine Rechenmaschine am Laufen ist?

Zuse: Das ist eine Geschichte für sich. Da war ein Filmregisseur namens Goeze, den hatte es auch dahin verschlagen, der hatte also eine Amerikanerin geheiratet -- und Sie müssen wissen, da kannte natürlich jeder jeden, man war befreundet und erzählte sich voneinander. Und da hab ich ihm also von meiner Maschine erzählt. Durch seine amerikanische Frau kam dieser Goeze nun schon relativ früh aus Deutschland raus und ist dann sehr aktiv gewesen. Er wandte sich an den Watson, der ja damals Chef der IBM war, und hat ihm also erzählt, dort im Allgäu, da sitzt ein Erfinder, der hat so ein Gerät, woran ihr noch rumbastelt. Und der hat dann sofortein Telegramm geschickt nach Stuttgart, an die damaligen Direktoren der Hollerith: Guckt Euch den mal an. Dann habe ich zunächst verhandelt mit den Stuttgarter Leuten. Die waren sehr interessiert, und IBM hatte mir auch einige Zahlungen, sogenannte Optionszahlungen geleistet, dadurch bin ich über die Währungsreform hinweggekommen, sonst wäre das katastrophal gewesen. So interessierte sich also IBM über Hollerith für mich, dadurch war ich schon bekannt. Es sprach sich damals aber auch sehr schnell herum bis zu Powers, Remington Rand. Die Verhandlungen mit denen zogen sich aber hin, die wollten nicht recht ran, die wollten nur Schutzrechte von mir, und das wollte ich nicht, ich wollte gerne weiterentwickeln, das konnten die mir aber nicht versprechen. Inzwischen hatte ich aber schon Beziehungen zu Remington Rand, und die waren durchaus interessiert an einer Entwicklung, deshalb arbeitete ich lieber mit denen zusammen. Zunächst, die ersten Jahre, bis 49, haben wir uns nur mit amerikanischer Hilfe -- Hollerith-Karten-Firma -- über Wasser gehalten. Und dann konnte ich das Gerät ja Professor Stiefel vorführen...

...aus Zürich ...

Zuse: Stiefel aus Zürich, ja, und der freute sich richtig daran, eine Maschine zu sehen, die wirklich lief. So haben wir gleich einen Vertrag gemacht -- das war für mich natürlich eine glänzende Reklame -- ausgerechnet Zürich, Europa, neutraler Ort -- da die Maschine aufzustellen, die damals die einzige war, die lief.

[...]

Zuse (der inzwischen in dem Buch Alan Turing, Intelligence Service las): Das ist interessant, was Sie in Ihrem Buch da schreiben: "Was Turing nicht zu Papier bringen durfte, deutet ein Nachwort an." Was durfte er denn nicht sagen?

Turing war doch Geheimnisträger...

Zuse: Ja, die Engländer waren da sehr verschwiegen. Die Amerikaner machten viel Aufhebens, aber die Engländer behandelten das wie ein Staatsgeheimnis. Dabei waren sie viel weiter fortgeschritten.

Inwiefern?

Zuse: In den logischen Schaltungen, die sie verwendet haben...

...in der COLOSSUS?

Zuse: Ja, die haben mit weniger Röhren gearbeitet, und das war sehr interessant -- wie bei Schreyers Versuchsgerät. Bei einem Besuch in England -- vor etwa zehn Jahren -- haben wir die Schaltungen verglichen, die die COLOSSUS hatte, und die, die Schreyer hatte -- die waren sehr ähnlich. Die Schaltungen waren besser als diese Wahnsinnsmaschine mit den 18000 Röhren...

...die ENIAC...

Zuse: ...die war ja ungeheuer, aber vom technischen Standpunkt wirklich keine besondere Leistung. Eine Leistung war es, 18000 Röhren so zu betreiben, daß die Maschine wenigstens 'mal eine Stunde gelaufen ist, das ist schon eine Leistung bei 18000 Röhren...


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© bei Markus Krajewski und Harun Maye, Version 1.0, 26.05.1997.