Ornamente können kosmologische Ordnungsstrukturen darstellen – wie es das altgriechische Wort κόσμος [Kosmos] impliziert, das sowohl Schmuck als auch Weltordnung bedeutet. Gerade weil Ornamente nichts abbilden, eignen sie sich in besonderer Weise, um Zusammenhänge und Ordnungen aufzuzeigen, die als solche nicht sichtbar sind. Das prädestiniert Ornamente dazu, kosmologische Ordnungsstrukturen zu erkennen zu geben. Eine solche Erkenntnis kosmologischer Gesetzmäßigkeiten impliziert in monotheistischen Kontexten eine Erkenntnis Gottes in seiner Schöpfung. Damit ist die Darstellungsform des Ornamentes eine legitime Alternative zur Abbildlichkeit, die als Mittel der Gotteserkenntnis unter Idolatrieverdacht steht. Ein solches Verständnis des Ornamentes muss entgegen der modernen Auffassung, Ornamente seien bedeutungslose Schmuckformen, entwickelt werden, um die zentrale Funktion von Ornamenten in Islam und Christentum zu erschließen. Exemplarisch sollen hierzu zwei Kulturen untersucht werden, in denen griechische Kosmologien in besonderem Maße rezipiert wurde: die Kosmologie und Malerei Frankreichs und Persiens des 12 - 14. Jahrhunderts. Dieser Vergleich zweier Rezeptionslinien in den beiden größten monotheistischen Religionen erlaubt es zugleich, Gemeinsamkeiten und religions- und kulturspezifische Differenzen in der Funktion von Ornamenten als Formen der Welt- und Gotteserkenntnis zu bestimmen.