Die Lüge ist ein Ursprungsphänomen der individuellen wie der gesellschaftlichen Etablierung, ja sie reicht bis in die gemeinsame Erbmasse von Mensch und Tier zurück. Lange Zeit wurde das Phänomen der Lüge nahezu ausschließlich als ein moralisch - zu verwerfendes - Phänomen wahrgenommen. Dass die Lüge inzwischen auch im außer-moralischen Sinn beurteilt wird, ist weder ihrer universellen Bedeutsamkeit noch ihrer fortgesetzten Selbstverbergung abträglich. Grundsätzlich wirkt sich die Lüge einerseits gruppen- oder gesellschaftstabilisierend aus, andererseits verfügt sie über ein individuell wie sozial subversives Potenzial. Anlass zur Frage nach der Lügenhaftigkeit bieten unter anderem die Krise allgemein-verbindlicher Sinnkonzeptionen, die Pluralisierung unserer Welt in mannigfache, interagierende Kulturen und Subkulturen sowie aktuelle Zuspitzungen von lügnerischen Praktiken in der Gesellschaft. Der Kollegtitel proklamiert die Kulturfähigkeit der Lüge und deutet durch den Plural zugleich an, dass die Diskussion ausdrücklich im Fachgrenzen überschreitenden Dialog geführt werden soll. Im Blick stehen Theorien der Lüge, Alltagswelten der Lüge, politische Kulturen der Lüge, Lüge und Medien und Ästhetik der Lüge.