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Morgenstern, Kathrin

"Einer wird immer bleiben, um die Geschichte zu erzählen." Die narrative Verfasstheit von Hannah Arendts politischer Philosophie.

Morgenstern, Kathrin (2019) "Einer wird immer bleiben, um die Geschichte zu erzählen." Die narrative Verfasstheit von Hannah Arendts politischer Philosophie. Dissertation, Universität Regensburg.

Veröffentlichungsdatum dieses Volltextes: 20 Aug 2019 09:15
Hochschulschrift der Universität Regensburg
DOI zum Zitieren dieses Dokuments: 10.5283/epub.40467

Printexemplar der Universitätsbibliothek
Preis: 25,00


Zusammenfassung (Deutsch)

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ So äußerte sich Theodor W. Adorno 1951. Diese Ansicht kann Arendt nicht teilen. Zweifellos ist auch für sie in der Shoah etwas Unvorstellbares, Irreversibles passiert, das die Welt für immer verändert hat. Die philosophische Tradition ist dadurch zerbrochen und zerstört. Das Verstummen stellt aber für Arendt keine Option dar: Stumm sind ...

„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“ So äußerte sich Theodor W. Adorno 1951. Diese Ansicht kann Arendt nicht teilen. Zweifellos ist auch für sie in der Shoah etwas Unvorstellbares, Irreversibles passiert, das die Welt für immer verändert hat. Die philosophische Tradition ist dadurch zerbrochen und zerstört. Das Verstummen stellt aber für Arendt keine Option dar: Stumm sind für sie nur Hass und Gewalt. Sprache und Kommunikation dürfen nicht abbrechen, wenn aus den Trümmern der Tradition heraus ein politischer und moralischer Neuanfang entstehen soll. Dabei sind Geschichten ein wichtiges Instrument. Einzelne Fragmente der zertrümmerten Tradition stellen den Ausgangspunkt hierfür dar. Die Vergangenheit behält so ihre Bedeutung. Aber eben nicht im Ganzen, sondern in Einzelaspekten, Ereignissen - und in den Geschichten darüber.
Diese Erkenntnis betrifft auch Arendts Vorgehensweise: Erzählen kann sich nicht mehr einheitliche Sinnzuschreibungen oder das Fortschreiben der großen Erzählungen zur Aufgabe machen. Sie wählt also eine fragmentarische Darstellungweise, die mit Systematik und Chronologie, aber auch mit dem Neutralitätsgebot sine ira et studio bricht. Erzähler_innen sollen aufrütteln statt zu erklären und damit ihre Zuhörer_innen oder Leser_innen zu einem Engagement für die gemeinsame Welt und zum Handeln mit den Mitmenschen motivieren. Neben der Shoah sind daher auch politische Gründungen eines der Leitthemen von Arendts Werk. Geschichten über die Gründung Roms oder der amerikanischen Republik sollen Erfahrungen transportieren, die bis heute für die Zeitgenoss_innen relevant sind.
Die Bedeutung des Erzählens für Arendts politische Philosophie endet jedoch nicht bei der Methode. Auch inhaltlich stellt es eine entscheidende Komponente dar: In Arendts Handlungstheorie, einem Kernstück ihrer politischen Philosophie, ist das Erzählen als eine spezielle Art und Weise des Handelns präsent. Zudem dient es als Möglichkeit, das Handeln zumindest teilweise zu verstetigen. Wie sich diese narrative Verfasstheit konkret darstellt, wird anhand der drei Schlagworte Weltlichkeit, Pluralität und Natalität verdeutlicht. Die große Bedeutung, die Arendt selbst dem Erzählen beimisst, zeigt sich in einem Zitat von Isak Dinesen, das sie an verschiedenen Stellen im Werk verwendet. Unter anderem stellt sie es dem Kapitel über das Handeln in der Vita activa voran. Es kann als Hommage an das Narrative und zugleich als Entgegnung an Adorno aufgefasst werden: „All sorrows can be borne if you put them in a story or tell a story about them.“

Übersetzung der Zusammenfassung (Englisch)

„To write a poem after Auschwitz is barbaric.“ Theodor W. Adorno made this statement in 1951. Arendt does not agree with him at all. Beyond any doubt she also felt something unthinkable and irreversible had happened and changed the world forever. The tradition of philosophy has come to an end, there is no way of re-establishing it. Still, falling silent is never an option for Arendt. Silence is ...

„To write a poem after Auschwitz is barbaric.“ Theodor W. Adorno made this statement in 1951. Arendt does not agree with him at all. Beyond any doubt she also felt something unthinkable and irreversible had happened and changed the world forever. The tradition of philosophy has come to an end, there is no way of re-establishing it. Still, falling silent is never an option for Arendt. Silence is the epitome of hatred and violence. Speech and communication must never break down, but establish something new from the ruins of tradition. Stories are a crucial instrument in this process, with fragments of the broken tradition serving as a starting point. After all, many aspects and events from the past - and stories about them - still can tell us a lot.
Arendt’s methodology is impacted as well by the break of the tradition. Narration can no longer aim at the attribution of a consistent or coherent meaning. Therefore, Arendt opts for a fragmentary way of presenting the events, doing away with chronology and systematics, but also with scientific neutrality. Narrators are to rouse their readers or listeners and to motivate them to involve themselves in the common world. Thus, many of Arendt’s stories address political foundation. There are to convey experiences that are still relevant nowadays.
This is not the whole story though: Narration is more than a method in Arendt’s works. It is also a decisive feature when it comes to content. Looking at Arendt’s theory of action, we find that telling stories is also prominent here as a special way of acting. Moreover, narration can also serve as a tool for perpetuating action - at least partly. Arendt’s appreciation of narration can be gauged by a quote she cites in various places - most prominently as a motto for the chapter on Action in The Human Condition. We can read this as a rely to Adorno: „All sorrows can be borne if you put them in a story or tell a story about them.“


Beteiligte Einrichtungen


Details

DokumentenartHochschulschrift der Universität Regensburg (Dissertation)
Datum20 August 2019
Begutachter (Erstgutachter)Prof. Dr. Karlfriedrich Herb
Tag der Prüfung4 Juli 2019
InstitutionenPhilosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften > Institut für Politikwissenschaft > Lehrstuhl für Politische Philosophie und Ideengeschichte - Prof. Dr. Karlfriedrich Herb
Stichwörter / KeywordsHannah Arendt, politische Philosophie, historisches Erzählen, politischer Neubeginn, Traditionsbruch, Erzähltheorie
Dewey-Dezimal-Klassifikation300 Sozialwissenschaften > 320 Politik
StatusVeröffentlicht
BegutachtetJa, diese Version wurde begutachtet
An der Universität Regensburg entstandenJa
URN der UB Regensburgurn:nbn:de:bvb:355-epub-404678
Dokumenten-ID40467

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