Hochschulschrift der Universität Regensburg (Zulassungsarbeit)
Open Access Art:
Primärpublikation
Datum:
17 Dezember 2025
Begutachter (Erstgutachter):
Prof. Dr. Jenny Rahel Oesterle-El Nabbout
Tag der Prüfung:
1 Dezember 2025
Zusätzliche Informationen (Öffentlich):
Zulassungsarbeit (Staatsexamen Lehramt), Universität Regensburg (2025). Quellenorientierte Analyse rechtlicher, kanonistischer und hagiographischer Texte zu Ordalien (iudicium Dei) mit Schwerpunkt auf Performanz, Raum und Legitimation.
Ordalien im spätantiken und frühmittelalterlichen Westen: Deutungen und Praktiken zwischen Recht, Ritual und Gesellschaft. (Eingebracht am 17 Dez 2025 13:30)[Gegenwärtig angezeigt]
Die vorliegende Studie widmet sich dem iudicium Dei im Transformationsprozess von der Spätantike zum Frühmittelalter und analysiert es als ein Phänomen, in dem sich Rechtsautorität, rituelle Performanz und narrative Legitimierungsstrategien überschneiden. Jenseits älterer Forschungsansätze, die das Gottesurteil lediglich als „irrationales Relikt“ marginalisieren, rekonstruiert die Arbeit jene ...
Zusammenfassung (Deutsch)
Die vorliegende Studie widmet sich dem iudicium Dei im Transformationsprozess von der Spätantike zum Frühmittelalter und analysiert es als ein Phänomen, in dem sich Rechtsautorität, rituelle Performanz und narrative Legitimierungsstrategien überschneiden. Jenseits älterer Forschungsansätze, die das Gottesurteil lediglich als „irrationales Relikt“ marginalisieren, rekonstruiert die Arbeit jene diskursiven und pragmatischen Bedingungen, unter denen ein Ordal überhaupt erst den Status eines validen Beweismittels erlangen konnte. Im Fokus steht dabei die Frage nach den Autorisierungsinstanzen, der topographischen Verortung sowie den Verfahren, die das Ergebnis sowohl sozial als auch textuell bindend machten.
Methodisch verschränkt die Untersuchung eine rechtsgeschichtliche Analyse mit performanztheoretischen Ansätzen und einer raumsoziologischen Perspektive auf sakrale Settings. Das Quellenkorpus umfasst dabei eine komparatistische Lektüre normativer Textsorten, Leges, Kapitularien, kirchenrechtliche Kanones und liturgische Ordines, und kontrastiert diese mit der interpretativen Evidenz hagiographischer und narrativer Quellen.
Eine zentrale These der Arbeit ist die Neukonturierung des Bischofs als Scharnierfigur dieses Prozesses: Er tritt nicht bloß als moralischer Kommentator in Erscheinung, sondern als entscheidender juridischer Akteur, der den Zugriff auf den sakralen Raum reglementiert, die Semantik des Rituals rahmt und die öffentliche Glaubwürdigkeit des Ergebnisses stabilisiert. Das Gottesurteil erweist sich in dieser Perspektive weniger als spontane „Glaubensprobe“, denn als eine liturgisch skriptierte und räumlich streng eingehegte Sequenz, deren Beweiskraft maßgeblich von ihrer orchestralen Inszenierung und der anschließenden narrativen Fixierung abhängt.
Übersetzung der Zusammenfassung (Englisch)
This study examines the iudicium Dei (ordeal) during the transition from Late Antiquity to the Early Middle Ages, analyzing it as a nexus of legal authority, ritual performance, and narrative legitimacy. Moving beyond historiographical traditions that characterize the ordeal merely as an “irrational survival,” this study reconstructs the specific discursive and pragmatic conditions required for ...
Übersetzung der Zusammenfassung (Englisch)
This study examines the iudicium Dei (ordeal) during the transition from Late Antiquity to the Early Middle Ages, analyzing it as a nexus of legal authority, ritual performance, and narrative legitimacy. Moving beyond historiographical traditions that characterize the ordeal merely as an “irrational survival,” this study reconstructs the specific discursive and pragmatic conditions required for an ordeal to constitute valid proof. It interrogates the mechanisms of authorization, the significance of topographical placement, and the processes through which outcomes were rendered socially and textually binding.
Methodologically, the research synthesizes a close reading of normative sources, including leges, capitularies, canon law, and liturgical ordines, with an interpretive analysis of hagiographical and narrative evidence. This approach combines legal-historical inquiry with a performative perspective on procedure and a spatial analysis of sacral settings.
A central argument posits the bishop as a pivotal intermediary in this process: not merely a moral commentator, but a decisive juridical actor who regulates access to sacral space, frames the ritual’s semantics, and stabilizes the public credibility of the result. Consequently, the ordeal emerges less as a spontaneous test of faith than as a carefully orchestrated sequence, the evidentiary force of which is contingent upon liturgical scripting, controlled locality, and subsequent narrative fixation.
By mapping these elements across diverse genres, the thesis elucidates the function of the ordeal as a mechanism of truth-production and governance, while simultaneously revealing how these very mechanisms rendered the practice vulnerable to delegitimization in specific polemical contexts.