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Keller, Sebastian

Moderne Schwertkampf-Trainer als ‚Erben’ alter Meister
Vorbilder und Vermittlungspraxen mittelalterlichen europäischen Schwertkampfs in der „Historical European Martial Arts“-Szene in Deutschland.

Keller, Sebastian (2019) Moderne Schwertkampf-Trainer als ‚Erben’ alter Meister
Vorbilder und Vermittlungspraxen mittelalterlichen europäischen Schwertkampfs in der „Historical European Martial Arts“-Szene in Deutschland.
Dissertation, Universität Regensburg.

Veröffentlichungsdatum dieses Volltextes: 27 Feb 2019 11:22
Hochschulschrift der Universität Regensburg


Zusammenfassung (Deutsch)

Ende der 1990er Jahre wurden in den USA und später in Deutschland und anderen Ländern erstmals einige Vereine und Clubs für ‚Mittelalterlichen Europäischen Schwertkampf‘ gegründet. Sie setzten sich zum Ziel Techniken, die in Fechtbüchern ab ca. 1300 (Leeds. Royal Armouries. RAL 14235 (The Royal Armouries Fechtbuch, I.33.)) schriftlich und bildlich festgehalten wurden, neu zu beleben. Die ersten ...

Ende der 1990er Jahre wurden in den USA und später in Deutschland und anderen Ländern erstmals einige Vereine und Clubs für ‚Mittelalterlichen Europäischen Schwertkampf‘ gegründet. Sie setzten sich zum Ziel Techniken, die in Fechtbüchern ab ca. 1300 (Leeds. Royal Armouries. RAL 14235 (The Royal Armouries Fechtbuch, I.33.)) schriftlich und bildlich festgehalten wurden, neu zu beleben. Die ersten Akteure brachten ihre Erfahrungen aus diversen Kampfsportarten, dem Live-Rollenspiel und dem Showkampf mit ein, grenzten sich aber deutlich von diesen Wurzeln und der Mittelalterszene ab.
‚HEMA‘, also die ‚Historical European Martial Arts‘ sind inzwischen eine international verbreitete Nischensportart mit zahlreichen Disziplinen wie Langschwert, Kurzschwert und Buckler, Rapier, Säbel und Ringen. Die zur Interpretation verwendeten Quellen in unterschiedlichen europäischen Sprachen stammen aus dem 14. bis ins 20. Jahrhundert.
Die Dissertation gibt einen Überblick über die Entstehung der modernen HEMA-Szene, die historischen Fechtbücher und Fechtergesellschaften, die heute als Vorbilder dienen können. Die Arbeit untersucht am Beispiel von Trainern in Deutschland, wie die historischen Quellen für eine ‚Invention of Tradition‘ im Sinn von Hobsbawn und Ranger genutzt werden.
Die wichtigsten Forschungsmethoden waren die Teilnehmende Beobachtung, Interviews mit Trainern und die Analyse der von ihnen verfassten Ratgeberliteratur. Dabei werden trotz lückenhafter Quellen die Unterschiede zu historischen Verfassern von Fechtbüchern und Fechtergesellschaften deutlich. Ein offensichtliches Beispiel ist die HEMA-Schutzausrüstung, die speziell entwickelt wird. Sie hat kein historisches Vorbild.
Der historische Teil der Dissertation weist nach, dass es während der Romantik im 19. Jahrhundert und um die Wende zum 20. Jahrhundert schon einmal Bemühungen um eine Renaissance der mittelalterlichen Kampfkünste gab, die allerdings im Vergleich zur HEMA-Szene kurzlebig und mit stark beschränkter Wirkung blieben. Auf die heutige Szene haben diese Vorbilder nur marginalen Einfluss.
Die zentralen Fragen der Arbeit sind:
1. Was ist die Bedeutung eines Trainers in der HEMA-Szene? Ist er ein Meister, ‚Sensei‘, Anleiter, Unternehmer, Wissenschaftler oder (spirituelles) Vorbild?
2. Wie werden Gender und Körperbilder konkretisiert?
3. Welche Objektivationen lassen sich in HEMA finden und was sagen sie über das Verhältnis zum Mittelalter und zur heutigen Lebenswirklichkeit der Akteure aus?
4. Wie lassen sich HEMA im Kontext von Kampfsport und Kampfkunst verorten?

Übersetzung der Zusammenfassung (Englisch)

At the turn of the 21th century a significant number of people started to take interest in techniques that can be found in historic fight books and other European Martial Arts literature. The oldest is the manuscript I.33 in the Tower of London, which was written in about 1320, others range from the 14th century to the 20th century and include European languages including Latin and various armed ...

At the turn of the 21th century a significant number of people started to take interest in techniques that can be found in historic fight books and other European Martial Arts literature. The oldest is the manuscript I.33 in the Tower of London, which was written in about 1320, others range from the 14th century to the 20th century and include European languages including Latin and various armed and unarmed techniques.
Many of the modern practitioners of historical European martial arts have a background in other martial arts, re-enactment or LARP (live action role playing). They transcribe, translate and interpret the sources and found training groups to enable a ‘Renaissance’ of historical European martial arts.
Those groups now form an international WMA (western martial arts) / HEMA (historical European martial arts) community. Around the globe a few thousand martial artists train with a variety of weapons (long sword, rapier, sabre, sword an buckler, …) and meet at international events and competitions.
This thesis gives an introduction to the HEMA community with focus on groups in Germany. It compares historic sources and contemporary practices. The HEMA community assumes that the old and ‘forgotten’ European fighting styles must be resurrected. But already in the Middle Age those styles were mentioned by various authors interested in sports, history, law studies and literature among others. There were two peaks in interest during the time of romanticism and around the turn to the 20th century, when people already used medieval fighting styles for contemporary martial arts purposes.
There is no continual tradition of those styles from generation to generation. Therefore HEMA is an invented tradition (in the sense of Hobsbawn and Ranger) with specific demands on authenticity and performance. Central questions for this thesis are:
- What significance and role does a trainer have? Is he master, sensei, supervisor, entrepreneur, scientist or spiritual guide?
- How are gender roles and body images put into practice?
- What have potentially violent HEMA to offer to a non-violent society and individual practitioners?
- What’s characteristic for HEMA in comparison to historic and contemporary fighting styles?
By looking at the creative ways HEMA combines past and present it offers information about the society in which it formed.


Beteiligte Einrichtungen


Details

DokumentenartHochschulschrift der Universität Regensburg (Dissertation)
Datum27 Februar 2019
Begutachter (Erstgutachter)Prof. Dr. Daniel Drascek
Tag der Prüfung13 März 2018
InstitutionenSprach- und Literatur- und Kulturwissenschaften > Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur (I:IMSK) > Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft
Stichwörter / KeywordsHEMA, Schwertkampf, Sport, Kampfsport, Deutschland, Mittelalter, Kampfkunst, Historical European Martial Arts, Martial Arts, Martial Art, Schwert, Säbel, Degen, Rapier, Dussak, Messer, Langes Schwert, Langes Messer, Liechtenauer, Lichtenauer, Thalhofer, Thalhoffer, Talhofer, Talhoffer, Zweikampf, Invention of Tradition, Volkskunde, Kulturwissenschaft, Vergleichende Kulturwissenschaft, Szene, Szeneforschung, Szenebeschreibung, 20. Jahrhundert, 21. Jahrhundert, Fechtbruderschaft, Marxbrüder, Federfechter
Dewey-Dezimal-Klassifikation300 Sozialwissenschaften > 390 Ethnologie
700 Künste und Unterhaltung > 796 Sport
900 Geschichte und Geografie > 940 Geschichte Europas
StatusVeröffentlicht
BegutachtetJa, diese Version wurde begutachtet
An der Universität Regensburg entstandenJa
URN der UB Regensburgurn:nbn:de:bvb:355-epub-383743
Dokumenten-ID38374

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